Nick Cave macht den Schlossplatz zu seinem Wohnzimmer
Es gibt Konzertabende, die man besucht. Und es gibt Konzertabende, die man erlebt. Der Auftakt der Schlossplatz-Konzerte der Jazz Open Stuttgart 2026 gehörte ohne Zweifel zur zweiten Kategorie. Kein Vorprogramm, keine große Inszenierung, kein überflüssiger Pomp. Nur Nick Cave & The Bad Seeds. Mehr brauchte es an diesem Montagabend nicht, um den Schlossplatz in einen Ort zwischen Rockmesse, Katharsis und inniger Begegnung zu verwandeln.
Schon im Vorfeld hatten Kollegen gewarnt: “Nick Cave hat ganz besondere Fans.” Was zunächst wie eine Floskel klang, wurde bereits mit den ersten Takten von “Get Ready for Love” greifbare Realität. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kaum betrat der ganz in Schwarz gekleidete Australier die Bühne, zog es ihn immer wieder an den Bühnenrand. Er streckte die Hände aus, ließ sich festhalten, umarmen, berühren. Die ersten Reihen antworteten mit ausgestreckten Armen, als wollten sie sich vergewissern, dass diese charismatische Erscheinung tatsächlich leibhaftig vor ihnen stand. Es war eine fast haptische Angelegenheit. Cave entzog sich diesem Kontakt nicht, sondern suchte ihn geradezu. Immer wieder verschwand er mitten im Publikum, ließ Hände über seine Arme gleiten, hielt Gesichter fest, blickte seinen Fans direkt in die Augen. Zwischen Künstler und Publikum existierte an diesem Abend keine Distanz. Der Schlossplatz wurde für zwei Stunden zu seinem Wohnzimmer.
Dass Nick Cave eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der Rockmusik ist, hat er sich über Jahrzehnte erarbeitet. Seit den frühen Tagen der wilden Post-Punk-Band The Birthday Party entwickelte er sich mit den Bad Seeds zu einem Künstler, der düstere Rockmusik, Poesie, Gospel, Blues und existenzielle Fragen zu einer unverwechselbaren Klangsprache verbindet. Nach persönlichen Tragödien fanden seine Werke noch mehr Tiefe, ohne jemals in Hoffnungslosigkeit zu versinken. Gerade das gefeierte Album Wild God bewies eindrucksvoll, dass Cave auch nach vier Jahrzehnten kreativer denn je ist und seinen Blick längst wieder stärker auf Trost, Gemeinschaft und Licht richtet.

Nick Cave macht den Schlossplatz zu seinem Wohnzimmer
Davon erzählte auch die Setlist, die geschickt durch vier Jahrzehnte Bandgeschichte führte. Als mit “Red Right Hand” einer der berühmtesten Songs des Abends erklang, verwandelte sich der Schlossplatz in einen riesigen Chor. Die düster pulsierende Hymne besitzt längst Kultstatus und entfaltet live noch immer ihre hypnotische Wucht. Wenig später entwickelte sich “Jubilee Street” zu einem der emotionalen Höhepunkte des Konzerts. Über Minuten steigerte sich das Stück von leiser Erzählung zu einer gewaltigen Klanglawine, während Cave wie ein Prediger durch die ersten Reihen wanderte und das Publikum jede Zeile mit ihm feierte. Als schließlich während der Zugaben nur noch Nick Cave allein am Klavier saß und “Into My Arms” anstimmte, schien der gesamte Schlossplatz den Atem anzuhalten. Tausende Stimmen sangen behutsam mit, ohne den intimen Moment zu zerstören. Selten wirkte ein einzelnes Lied gleichzeitig so zerbrechlich und so verbindend.
Doch nicht nur die Klassiker sorgten für Begeisterung. Neue Stücke wie “Wild God”, “Joy” oder “Bright Horses” fügten sich nahtlos in das Gesamtbild ein und bewiesen eindrucksvoll, warum die aktuelle Schaffensphase der Band von Kritikern gefeiert wird. Die Bad Seeds präsentierten sich dabei als perfekt eingespielte Einheit, die jede Dynamik beherrscht: donnernde Rock-Ausbrüche, filigrane Balladen und schwebende Klanglandschaften wechselten sich scheinbar mühelos ab.
Am Ende blieb weit mehr als ein großartiges Konzert. Nick Cave & The Bad Seeds schenkten Stuttgart einen Abend voller Intensität, Spiritualität und körperlicher Nähe. Dass ein Weltstar die Hände seines Publikums nicht nur zulässt, sondern sie sucht, macht seine Konzerte zu etwas Außergewöhnlichem. Die viel zitierte besondere Beziehung zwischen Nick Cave und seinen Fans ließ sich an diesem Abend nicht nur beobachten. Man konnte sie förmlich spüren.
Ein eindrucksvollerer Auftakt für die Schlossplatz-Konzerte der Jazz Open 2026 wäre kaum denkbar gewesen.
MK Schechler
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Nick Cave & The Bad Seeds
Montag, 06. Juli 2026 | Schlossplatz Stuttgart
Jazz Open Stuttgart
www.jazzopen-stuttgart.com
Setlist
1. Get Ready for Love
2. From Her to Eternity
3. Train Long-Suffering
4. Wild God
5. O Children
6. Tupelo
7. Carnage (Nick Cave & Warren Ellis cover)
8. Joy
9. Rings of Saturn
10. Bright Horses
11. Henry Lee
12. The Mercy Seat
13. Papa Won’t Leave You, Henry
14. Red Right Hand
15. Jubilee Street
16. Hiding All Away / White Elephant
17. Hollywood
Zugaben:
18. City of Refuge
19. The Weeping Song
20. Into My Arms (Solo)
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